Call for Abstracts
für einen Workshop der AG Kulinarische Ethnologie (DGSKA), des Fachgebiets für Nachhaltige Produktgestaltung und Entwicklung, Kunsthochschule Kassel, und des Büros für Agrarpolitik und Ernährungskultur – APEK am
13. November 2026 in Kassel
Alte Zukünfte, neue Traditionen
Reinnovationen, Re-Designs und Kritik der kulinarischen Moderne
Die gegenwärtige Ernährungskultur ist durch eine eigentümliche Gleichzeitigkeit des Ungleichzeitigen geprägt. Speisen, Zubereitungsverfahren und Ernährungspraktiken, die bereits als überholt galten oder zwischenzeitlich weitgehend vergessen waren, werden wiederentdeckt, neu bewertet und als Traditionen erinnert. Altes erscheint dabei nicht unbedingt in seiner ursprünglichen Form. Es wird selektiv in erinnert oder vergessen, umgedeutet, ästhetisch überarbeitet und an gegenwärtige Bedürfnisse, Märkte und Lebensstile angepasst. Traditionelle Praktiken kehren somit häufig als Reinnovationen zurück.
Die Wiederbelebung von Fermentation, Einmachen, Sauerteig, handwerklichen Verarbeitungsverfahren, regionalen Sorten, Innereien oder vermeintlich einfachen Gerichten kann beispielsweise als Rückkehr zu kulinarischen Traditionen inszeniert werden. Diese Wiederbelebung kann aber ebenso Ausdruck ökologischer Orientierungen, neuer Distinktionspraktiken, gastronomischer Kreativität oder einer Kritik an industrieller Lebensmittelproduktion sein. Was als authentisch, ursprünglich oder überliefert gilt, wird dabei häufig erst unter den Bedingungen der Gegenwart hergestellt.
Gleichzeitig geraten Speisen und Ernährungspraktiken unter Rechtfertigungsdruck, die lange als Ausdruck von Fortschritt, Modernisierung und Wohlstand galten. Industriell verarbeitete Lebensmittel, standardisierte Massenproduktion, Convenience-Produkte oder bestimmte Formen einer fleisch- und konsumorientierten Ernährung erscheinen manchen sozialen Milieus inzwischen nicht mehr als modern, sondern als Relikte einer überkommenen Hochmoderne. Die einstige Zukunft kann auf diese Weise selbst zur Vergangenheit werden.
Neben solchen Wiederbelebungen und Umwertungen entstehen weiterhin neue Lebensmittel, gastronomische Konzepte, technische Verfahren und kulturelle Praktiken. Ernährungskultur entwickelt sich somit nicht geradlinig vom Traditionellen zum Modernen. Sie verbindet Rückgriffe und Neuerfindungen, nostalgische Imaginationen und technische Innovationen, Modernisierungskritik und Fortschrittsversprechen.
Der Workshop widmet sich dieser synchronen Asynchronität gegenwärtiger Ernährungskulturen. Willkommen sind insbesondere empirische, theoretische und historische Beiträge zu alimentären, kulinarischen und gastronomischen Reinnovationen, Re-Designs und Innovationskulturen sowie zur Kritik und kulturellen Umwertung moderner Ernährungssysteme.
Mögliche Themenfelder sind unter anderem:
• die Wiederentdeckung vergessener Speisen, Sorten und
Zubereitungspraktiken,
• die Herstellung und Vermarktung kulinarischer Traditionen und Authentizität,
• gastronomische Re-Designs und Neuinterpretationen überlieferter Gerichte,
• Nostalgie, Retroästhetik und Herkunftserzählungen in Ernährung und
Gastronomie,
• die Kritik an industrieller, standardisierter oder hochverarbeiteter
Ernährung,
• soziale und generationelle Unterschiede in der Bewertung von Tradition und
Innovation,
• neue Lebensmitteltechnologien, Ernährungspraktiken und gastronomische Formate
sowie
• Konflikte darüber, was als fortschrittlich, zeitgemäß, überholt oder
bewahrenswert gilt.
Die Aufzählung hat lediglich exemplarischen Charakter und kann um weitere Fragestellungen ergänzt werden.
Die AG Kulinarische Ethnologie versteht sich als transdisziplinäre Arbeitsgruppe. Beiträge aus der Ethnologie, Soziologie, Design- und Kunstwissenschaft, Kulturwissenschaft, Geschichtswissenschaft, Ernährungswissenschaft, Agrarwissenschaft, Gastronomieforschung und benachbarten Disziplinen sind ausdrücklich willkommen, sofern sie sich mit den kulturellen und sozialen Dimensionen des Themas auseinandersetzen.
Für den Workshop am 13. November 2026 in Kassel werden Beitragseinreichungen für thematische Inputs (Vorträge, Miniworkshops etc.) im Umfang von maximal einer Seite bis zum 30. September 2026 an kofahl@apek-consult.de beziehungsweise jahnke@uni-kassel.de erbeten.
Die AG Kulinarische Ethnologie
möchte insbesondere Forschende in der Qualifikationsphase ermuntern, sich mit
Themen und Ergebnissen aus Masterarbeiten, Dissertationsprojekten und anderen
laufenden Forschungsvorhaben zu bewerben.
